Die Tempelanlagen von Khajuraho  -  04.-06.03.2013

04.03. Zugfahrt nach Satna, mit dem Auto nach Khajuraho

Müssen wieder früh aufstehen heute, denn um 7 Uhr soll es schon losgehen zum Bahnhof. Hatten gestern ein "Bag-Breakfast" bestellt, weil es so früh noch nichts gibt.

Fast eine Stunde dauert die Fahrt zum Bahnhof in Mughal Sarai. Dabei stellen wir fest, daß es noch eine Steigerung zum bisher erlebten Dreck und Müll geben kann!
Zusätzlich liegt soviel Staub in der Luft, daß man kaum was sieht. Die Straße ist oft nur Piste, bergeweise Müll und stinkende Kloaken runden das grauenvolle Ensemble ab. Das ist halt das Indien außerhalb der Touristenhochburgen - schreckliche Armut wohin man schaut! Die Menschen, die hier leben müssen, tun uns schrecklich leid.

Kurz vor 8 Uhr sind wir am Bahnhof. Als wir aussteigen, steht schon ein Kofferträger bereit. Wir glauben, uns verhört zu haben als er 100 Rupien (1,40 Euro) verlangt für die 10 Minuten, um unsere beiden Koffer zum Bahnsteig zu tragen. 20 Rupien hätten wir ja gern gegeben, aber wie schon gesagt, abzocken lassen wir uns nicht.

Am Bahnhof dann große Verwirrung, allein hätten wir uns hier nie zurechtgefunden. Wir hatten zwar die Zugnummer und genaue Zeit und finden diese auch auf der Anzeigetafel. Wir gehen dann aber ganz woanders hin, der Fahrer meint, das ist halt so in Indien. Kein Zug fährt von dort ab, wo er angekündigt wird. Das sollte sich auch auf all unseren Zugfahrten bewahrheiten ...

Mit 20 Minuten Verspätung ist der Zug dann kurz vor 9 Uhr da. Der Fahrer hat Probleme, unsere Plätze zu finden, weil auf unseren Tickets keine Sitznummern angeführt waren. Aber schließlich finden wir unser 1. Klasse Abteil, wir haben es im Moment ganz für uns allein. Das Abteil ist schon ziemlich heruntergekommen und nicht gerade sauber, aber für die paar Stunden ist das kein Problem für uns. Geplante Ankunftszeit ist 14.50 Uhr, wir merken schnell, daß sich das wahrscheinlich nicht ausgehen wird. Eigentlich hatte es geheißen, mit dem Zug ist man viel schneller in Indien als mit dem Auto. Dieser Zug ist aber eher ein Schneckenexpress, denn alle 10 Minuten bleiben wir ewig stehen und dazwischen geht es auch nicht wirklich voran.

Irgendwann erreichen wir dann doch die große Stadt Allahabad am Ganges. Hier steigen jede Menge Leute zu, auch wir bekommen Gesellschaft. Zwei deutsche Rucksackreisende in unserem Alter, von denen wir einige nützliche Tipps bekommen.  Leider bekommen wir auch eine Erkältung, denn dem stundenlangen Viren-Bombardement in Form von Niesen und Husten in dem extrem heruntergekühlten Abteil konnten wir nichts entgegensetzen. Wir denken so noch einige Zeit an unsere Mitreisenden :-)

Mit fast 2 Stunden Verspätung erreichen wir gegen 16.30 Uhr dann endlich Satna. Schon am Bahnsteig erwartet uns der Vertreter der örtlichen Agentur mit einem Namensschild. Der Mann ist sichtlich gestresst, kein Wunder bei der langen Warterei auf uns ... Draußen dann wieder ein neuer Fahrer, im Auto ist dann auch Zeit, sich vorzustellen.

Auf der Fahrt über das Land nach Khajuraho erfahren wir viel über das Leben hier. Der Verkehr ist nicht schlimm, trotzdem brauchen wir für die 115 Kilometer fast drei Stunden. Es ist staubtrocken, schon bald werden die Temperaturen auf 45 Grad steigen. Manchmal sogar bis 50 Grad, wird uns erzählt. Auch heute ist es heißer als bisher, sicher über 30 Grad. Hier gibt es überwiegend Weizenfelder, Gemüse gibt es nur, wo bewässert werden kann. Außerdem erfahren wir über die "Einteilung" der Menschen in die Kasten. Die obere Kaste umfaßt Priester und Tempeldiener. Die nächsthöhere dann Soldaten und Beamte. Dann kommen die Arbeiter und Bauern und ganz unten sind dann die Hilfsarbeiter, die für die Straßenreinigung, Müllbeseitigung usw. da sind. Aber heutzutage wird ja versucht, die Menschen immer mehr gleichzustellen heißt es - denn es gibt ein kostenloses Schulsystem für alle Kasten! Allerdings können da meist die Kinder der unteren Kaste nicht hingehen, weil sie sich die Schuluniformen und Bücher nicht leisten können. Und die Kinder der höheren Kasten gehen auf Privatschulen, weil in den öffentlichen Schulen lernt man nichts. Soweit zur Gleichstellung der Kasten, alles Theorie ...

Machen eine kurze Rastpause im "Truckstop". Hier werden wir auf einen "Chai" eingeladen, den indischen Tee mit Büffelmilch. Die Gläser sind recht schmutzig, aber Franky opfert sich, um die Leute nicht zu beleidigen. Ihm schmeckt der Tee ganz gut, ich verzichte dankend ...

Dann geht es noch viele Kilometer durch Wald, in dem Nationalpark hier soll es angeblich noch 16 Tiger geben. Aber Nationalparks kommen bei uns ja erst später.

Mittlerweile ist es dunkel geworden und die Fahrt ist schon sehr gefährlich mit den vielen unbeleuchteten Fahrzeugen und den Tieren auf der Straße. Kurz vor 19 Uhr sind wir dann endlich im Hotel Bundela, etwas außerhalb der Stadt. Die Zimmer recht geräumig und ganz ok. Wir hatten vereinbart, uns noch zum Abendessen in ein nahegelegenes Restaurant bringen zu lassen. Natürlich bezahlen wir das Essen für Fahrer und Begleiter inoffiziell mit und es ist total überteuert, aber die beiden hatten ja auch einen anstrengenden Tag heute. Aber das Chicken Masala, ein Gemüse- und ein Käsegericht mit Naan-Brot sind sehr gut.

05.03. Khajuraho - Westliche Tempelgruppe

Das Frühstücksbuffet ist reichlich, allerdings nur für Inder. Wir müssen uns mit Toast, gekochten Eiern und ziemlich harten Minikuchen begnügen. Aber dann bekommen wir noch Käseomeletts, die sind recht gut.

Um 9 Uhr kommt der Agenturvertreter mit Guide und Fahrer, was für ein Auflauf nur für uns allein ...

Wir fahren zu den Tempeln der Westgruppe, dem schönsten Teil der Tempelanlage. Erbaut wurden diese Hindu-Tempel um 950-1000 n.Chr. von der Chandella-Dynastie.

Da gibt es einfach total viel zu bestaunen - wir bekommen erst eine Führung, die fast zwei Stunden dauert. Dann nehmen wir uns noch eineinhalb Stunden "zur freien Verfügung", um alles nochmal in Ruhe allein ansehen zu können.

Die Tempel sind einfach faszinierend, welch eine Fülle an Details und welche Kunstfertigkeit steht hier dahinter! Was Vergleichbares haben wir noch nie gesehen. Zwar sind auch die Tempel in Angkor Wat sehr beeindruckend, der Detailreichtum hier übertrifft sie allerdings bei Weitem!

Zigtausende verschiedene Figuren innen und außen an den Tempelwänden gibt es da zu bestaunen. Viele davon sind Darstellungen aus dem Kamasutra, dem indischen Lehrwerk der Erotik. Da gibts wirklich alles, was man sich vorstellen kann (oder auch nicht) und wir müssen uns zusammenreißen, um bei den trockenen Erklärungen unseres Guides ("this is sex with two wifes, this is sex with animals, this is sex ...") nicht loszulachen ...
Witzig, die Reisegruppen zu beobachten, da herrscht teilweise schon eine etwas peinliche Stimmung bei den ausgefallenen Erotik-Szenen.

Auch die Gartenanlage zwischen den Tempeln ist sehr gepflegt und riesige Bougainvillea-Hecken stehen in voller Blüte - wunderschön!

Gegen Mittag sind auch die Menschenmassen weg und wir können in Ruhe nochmal alles betrachten. Auch von innen sind die Tempel sehr beeindruckend.

Nach 12 Uhr ist es schon sehr heiß und wir denken langsam an Aufbruch. Wir bitten den Guide, uns ins Hotel bringen zu lassen. Wir brauchen erstmal etwas Pause, es gibt ja noch viel zu sehen hier.

Im Hotel essen wir zu Mittag, das Essen ist sehr gut, vor allem die indischen Brote mit unterschiedlichen Füllungen (Kartoffeln und Käse, Früchte, ...) sind ausgezeichnet.

Dann machen wir zum erstenmal auf dieser Reise Urlaub und verbringen eine Stunde am Pool :-) Der ist recht groß und sauber und wir haben ihn für uns allein.

05.03. Khajuraho - Südliche Tempelgruppe

Um 15.30 Uhr werden wir wieder abgeholt. Wir fahren erst zu einem kleineren Tempel im Süden der Stadt. Der ist nicht wirklich anders als die Tempel der westlichen Gruppe, aber es ist hier sehr ruhig.

Vor dem Tor sitzt ein zahnloser alter Mann und bettelt. Unser Guide unterhält sich eine Weile mit ihm und erzählt uns dann seine Geschichte. Der Mann soll angeblich sehr reich sein, weil er ein riesiges Grundstück besitzt, das angeblich eine Million Dollar wert sein soll. Auf die Frage des Guides, warum er denn trotz seines Reichtums immer noch hier betteln würde meinte der alte Mann: "Wovon soll ich denn sonst mein Essen kaufen?" Eine wahre Geschichte oder nur zur Belustigung der Touristen erfunden - wer weiß ?

Betteln ist ja in Indien offenbar ein Beruf, hatten wir schon in Delhi erfahren. Alle Guides hatten uns darum gebeten, den Bettlern nichts zu geben. Das haben wir auch so gehalten, obwohl es manchmal furchtbar schwer war, vor allem bei Kindern, die auch noch Babies mit sich rumtragen ...

05.03. Khajuraho - Östliche Tempelgruppe

Weiter geht es zur östlichen Tempelgruppe. Hier findet man nicht - wie bei der westlichen Gruppe - Hindu-Tempel, sondern Jain-Tempel. Der Jainismus ist mit dem Buddhismus stark verwandt, es gibt in Indien mehr als 4 Millionen Anhänger dieser Glaubensrichtung. Jain-Mönche der Digambara-Gruppe leben in gänzlicher Nacktheit und haben eine sehr strenge Lebensführung.

Die Tempel sind auch hier sehr beeindruckend, auch einen aktiven Tempel kann man hier besichtigen. Erkennbar sind aktive Tempel übrigens an der Fahne auf dem Tempeldach.

Nach den Tempeln gehts zur nahegelegenen "Steinmetzwerkstatt", wo wieder drei Männer "live" arbeiten, diesmal meißeln sie Figuren. Der Besitzer zieht wirklich eine filmreife Show ab - weil wir nichts kaufen wollen, ist er mindestens seiner Existenz beraubt worden :-)

Am Rückweg zum Hotel heben wir noch Geld vom ATM ab - wer hätte gedacht, daß wir mit 140 Euro hier in Indien nichtmal 5 Tage auskommen, obwohl wir eigentlich schon alles bei der Reise dabei haben außer Essen (und da waren wir erst 5x in Restaurants)? Zum Glück geht es nicht ganz so weiter, denn in vielen Gebieten war es dann nicht so extrem teuer wie hier im Osten des Landes (teuer natürlich nur für Touristen!) ...

05.03. "Village-Tour"

Wir haben nur kurz Zeit, uns zu entspannen, denn wir sollen heute ja noch zur Village-Tour losfahren. Der Vertreter der Agentur, ein sehr engagierter junger Mann hat uns eingeladen, sein Haus und die Umgebung zu besuchen. Aus dem wird sicher noch was, so geschäftstüchtig wie der ist :-)
Wir gehen also ins Brahmanen-Viertel. Jede der vier Kasten in Khajuraho lebt ja in einem eigenen Bereich mit eigenen Tempeln und Brunnen. Die Leute hier sind sehr freundlich, natürlich werden wir von den Kindern bestaunt. Der junge Mann lebt noch im Haus seiner Eltern mit Bruder und Schwägerin zusammen. Wir trinken Tee auf der Dachterrasse, wo in der heißen Zeit des Jahres auch geschlafen wird. Da hat man einen schönen Blick auf die anderen Häuser und die nahegelegenen Tempel.

Auf unsere Frage, warum er noch nicht verheiratet ist und Kinder hat, meint der junge Mann, das habe noch viel Zeit ... Junge Männer in höheren Kasten überlegen es sich heute in Indien sehr genau, wen sie heiraten - denn das ist dort eine Entscheidung fürs Leben. Und auch Kinder will man nicht mehr so viele, denn die kosten ja eine Menge Geld, haben wir immer wieder zu hören bekommen. Schon interessant, wie sich eine gesellschaftliche Entwicklung langsam über die ganze Welt verbreitet ...

Natürlich müssen wir zum Abschluß der Besichtigung wieder in den "Dorfladen seines Cousins", wo die "antiken Familien-Erbstücke" verkauft werden. Seltsam nur, daß es diese Einzelstücke gleich ein paarmal gibt :-)

05.03. Folklore-Show

Wir hatten uns dafür entschieden, die angebotene Folklore-Show zu besuchen. Sie beginnt um 19 Uhr und dauert gut eine Stunde. Ist recht gut besucht und ganz nett gemacht mit den bunten Glitzerkostümen und den hübschen Tänzerinnen. Die indische Musik gefällt uns ohnehin sehr gut, eine nette Abwechslung zu den vielen Bauwerken heute :-)